Urlaubszeit – Bikeverbotszeit

Text & Bild Yvonne Eder

Urlaubszeit, Erkundungszeit. Neue Trails wollen unter die Stollen genommen werden, Gebiete erforscht und regionale Speisen genossen werden. Tourismusvermarkter, Hoteliers und Bikeagenturen unternehmen derzeit vermehrt Anstrengungen um herauszufinden, wie sie Biker in ihr Revier locken können und setzen dabei voraus, dass der bikende Urlauber seine Wahl auf Basis umfassender Recherche und nach der Lektüre von Hochglanzprospekten mit grinsenden Radlern auf schottrigen Wegen vor traumhafter Bergkulisse trifft. Das dürfte nicht nur in unserem Fall etwas an der oftmals doch recht pragmatischen Realität vorbeigehen.

Einer aus der Gruppe bietet an sich zu kümmern. Er kennt ein potenziell interessantes Revier, weil seine Freunde da schon waren und eine oberflächliche Suche ergeben hat, dass es da wohl gute Wege geben sollte, Wetter ist um die Jahreszeit prima, Ferienwohnung gebucht, passt. Ein paar Wochen bevor es losgehen soll steigt die Urlaubsvorfreude drastisch an, Karten werden bestellt, Foren durchstöbert, Tourenbeschreibungen runtergeladen – aus den gängigen Bikemagazinen natürlich ausnahmslos mit dem Prädikat „episch“, „Highlight“ etc.

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Schnell stellt sich dann beim kritischen Leser bzw. Tourenplaner eine gewisse Ernüchterung bis Sorge ein. Weg xy: „verboten“, „Steig soundso“: für Mountainbiker gesperrt. Eine „neuer Steig“ wurde extra für die Mountainbiker angelegt, in den einschlägigen Foren allerdings als „wenig attraktive Waldautobahn“ beschrieben, also keine echte Alternative. Sind wir in dem Gebiet etwa nicht erwünscht, was würde uns vor Ort erwarten? Ein mulmiges Gefühl macht sich breit.

Das Gebiet ist zugegeben ein Hotspot, vom bayerisch sprechenden Süden der Republik aus in wenigen Stunden zu erreichen, mit einer traumhaften Landschaft gesegnet – grünen Hängen, schroffen Felsflanken, im Hintergrund die imposante Dolomitenkette, sonnenverwöhnt und mit einer bikerfreundlichen Infrastruktur – spricht Liften und Bahnen ausgestattet.

Die ersten paar Tage gehen wie im Flug vorbei, die Recherche hat sich gelohnt, die auf der Supertrailmap als gesperrt gekennzeichneten Steige können mit einer guten Planung umgangen und der Abfahrtsgenuss dennoch garantiert werden. Im Hinterkopf bleibt das Gefühl, vielleicht doch etwas verpasst zu haben.

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Die Stunde der Wahrheit schlägt am vierten Tag und stürzt die bikende Gruppe in ein schweres Dilemma. Etwas Abwechslung sollte es sein, wenn man also schon einmal in der Gegend ist, kann man ja auch das benachbarte Revier erkunden, das von allen so hochgelobt wird. Nachdem die erste Hürde der Parkplatzsuche gemeistert war, machte sich eine gewisse Ernüchterung breit: die Gondel nimmt nur vier Biker gleichzeitig mit. Und ist schon voll. Bis die Gruppe von 6 Leuten dann schließlich abfahrbereit auf dem Berg steht, war der Vormittag gelaufen und alle mehr als heiß darauf, endlich auf die Trails zu kommen. Die Augen werden groß, als uns beim Einstieg in den ersten Weg ein rotes Schild mit einem durchgestrichenen Mountainbiker entgegenleuchtet.

Die Person mit dem GPS-Gerät ist ja irgendwie automatisch diejenige, die sagen darf wo’s langgeht. Wobei das nicht heißt, dass nicht doch an jeder Weggabelung aufs Neue diskutiert und in die Karte geschaut werden will. Routenwahl ist ja schließlich ein demokratischer Prozess. Aber an dieser Stelle wollte partout niemand mehr entscheiden müssen. Alle drucksen rum, „hm, ja weiß nicht…“.

Ein Blick auf die Karte zeigt, der Weg zieht sich leicht gewellt am Hang entlang. Wenn wir ihn nicht nehmen, müssen wir ein ziemlich langes Stück Teerstraße fahren. Da blutet das Bikerherz.

Engelchen auf der einen Schulterseite heult „wir sollten doch Vorbild sein und uns an Regeln halten“, „wir sind hier nur zu Gast“, „was, wenn die bikenden Horden auf unseren Hometrails einfallen würden“? Teufelchen auf der anderen hält dagegen „jetzt sind wir schon mal hier, ich will diesen Trail fahren“, „die Locals fahren den sicherlich auch!“ und „ich sehe keinen nachvollziehbaren Grund, warum dieser Weg nur für Biker gesperrt ist!“.

Also Augen zu und durch, bzw. in den Trail. Die paar wenigen Wanderer, an denen wir besonders vorsichtig vorbeifahren, grüßen uns freundlich. Wir grüßen mit etwas schlechtem Gewissen und dem Gefühl, hier nicht erwünscht zu sein, zurück. So richtig genießen könnten wir die Fahrt nicht.

Für mich bleibt die bittere Erkenntnis, dass wir noch einen weiten Weg zu gehen haben, bevor ich als Bikerin völlig entspannt meinen Urlaub planen kann und nicht das Gefühl haben muss, nicht erwünscht zu sein.

Sowohl auf Seite der zuständigen Entscheidungsträger vor Ort, als auch Seite der bikenden Community. Damit es selbstverständlich ist, dass Biker und andere Erholungssuchende Wege gemeinsam nutzen dürfen. Und jedem, insbesondere auch den Bikern klar ist, dass damit eine gewisse Verantwortung einhergeht. Ich muss besonders vorausschauend und wegeschonend fahren und wenn ich weiß, dass zu einer bestimmten Tages- und Jahreszeit sehr viele Wanderer auf der Strecke sein werden, dann muss ich eventuell auch darauf verzichten, oder mich auf ein freundlich grüßendes, rücksichtsvolles Stop & Go einstellen.

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