Orientierung kann man lernen

Hätte mir vor vielen Jahren jemand erklärt, dass man seinen Orientierungssinn trainieren kann, hätte ich wohl ungläubig den Kopf geschüttelt und wäre weiter meinem Bikerudel hinterher gefahren. Mir selbst eine Tour zu erarbeiten und sie im Kopf zu behalten, schien mir außerhalb meiner Möglichkeiten zu liegen. Wenn ich im Beifahrer- bzw. Mitfahrermodus unterwegs bin, dann bin ich am Plaudern, genieße den Ausblick oder hänge meinen Gedanken nach. Aber ich achte eher weniger auf meine Umgebung bzw. präge mir den Wegverlauf nicht ein.

Text Yvonne Eder Bild Andi Meyer, Stefan Schopf

Mein Lernprozess begann ganz klassisch mit einem theoretischen Input zum Thema Orientierung. Ich besuchte eine Trailscout-Fortbildung und nahm dort erste hilfreiche Tipps und Übungen mit.

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Tipps zum Ausprobieren

Starte in bekanntem Gelände

Beginne mit deinen Orientierungsübungen in einem Gebiet, das du schon kennst, idealerweise mit Anschluss an die Zivilisation (z.B. Straßen zur Orientierung, Sendemasten, markante Geländeformen). Vielleicht gibt es ja einen gut beschilderten Rundkurs oder einen Trimm-dich-Pfad, der dir den Start erleichtert.

Gehe alleine auf Erkundungstouren

Ohne Ablenkung fällt das Üben leichter und du vermeidest automatisch den “Beifahrereffekt”.

Merk dir Wegpunkte sowie Zeichen und Symbole

Nehme deine Umgebung bewusst wahr. Merke dir gezielt markante Wegpunkte wie Baumgruppen, Kreuzungen, Bänke, Schilder oder Ähnliches. Präge dir ein, mit welchen Zeichen/Symbolen dein Weg markiert ist.

Nutze alle Sinne

Visualisiere die Tour im Kopf und erzähle sie dir rückwärts. Welche Wegpunkte gab es, wo bist du abgebogen, welche tollen Wegabschnitte und “Trailschmankerl” hast du gefunden? Wie verändern sich die Trails und Wegpunkte im Laufe der Jahreszeiten?

Mache dir Notizen

Ich habe hierfür ein kleines Notizheft im Rucksack oder Post-its auf der Karte. Notiere oder skizziere, wie die Route verläuft und welche Wegpunkte du dir gemerkt hast. Wo roch es so lecker nach frischem Harz oder Waldpilzen? Du kannst auch einfach ein Foto machen.

Lerne gefahrene Distanzen abzuschätzen

Nicht nur zur Orientierung, sondern auch, um gut mit seinen Kräften haushalten zu können, ist es hilfreich zu wissen, welche Streckenlänge und Höhenmeter du bewältigt hast bzw. bewältigen kannst. Beachte jedoch, dass sich Distanzen und Höhenmeter in Mittelgebirgen oder den Alpen sehr unterschiedlich anfühlen können. Wenn du keinen Fahrradcomputer besitzt, kannst du hierfür auch eine App nutzen.

Fordere dich heraus und nutze einfache Kniffe

Fahre deine Tour in umgekehrter Richtung. Beobachte den Sonnenstand. Zu wissen, wie die Sonne im Verlauf des Tages wandert (6 Uhr: Osten, 9 Uhr: Südosten, 12 Uhr: Süden, 15 Uhr: Südwesten, 18 Uhr: Westen), kann dir helfen, dich grob in deinem Revier zu orientieren.

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Übe das Lesen von Karten

Digital und in gedruckter Version sind Karten ein prima Hilfsmittel. Ich bevorzuge gedruckte Karten, da ich gerne etwas Haptisches in den Händen halte. Hier kannst du dir auch zunächst den Kartenausschnitt deines „Erkundungsreviers” aus einer Online-Karte (z.B. www.openstreetmap.org) ausdrucken, immer mal wieder draufschauen und dir Notizen machen. Die Landesvermessungsämter haben in der Regel nicht nur gute Online-Daten, sondern bieten auch oftmals günstige und sehr detaillierte Karten (1:10’-1:25’ ist ideal zum Üben) für wenig Geld an.

Digital kannst du zunächst auch dein Handy nutzen. Hier gibt es verschiedene Apps; in der Ausgabe (NR) findest du einen guten Überblick.

Fahre an erster Stelle

Wenn du dann ein wenig sicherer bist, trau dich auch mal, an erster Stelle in der Gruppe zu fahren. Sobald du eine Gruppe hinter dir hast, wirst du deine Umgebung automatisch viel bewusster und aktiver wahrnehmen. Schließlich möchtest du ja nicht, dass ihr euch verfahrt und zudem die Mitfahrer auf Gefahrenstellen und Trailschmankerl vorbereiten.

Verfahren ist übrigens gar nicht schlimm und gehört zum Lernprozess dazu. Aus Fehlern wird man klug und Stellen, an denen du falsch abgebogen bist, kannst du dir danach umso besser merken. Sehr oft wird das vermeintliche Verfahren auch zum Erfahren und du entdeckst eine besonders schöne Stelle – oder hast zumindest eine lustige Geschichte, die du im Freundeskreis zum Besten geben kannst.

Und zu guter Letzt: Sei abenteuerlustig, lass dich auf Neues und Unbekanntes ein, verschiebe deine Grenzen, erkunde dein Bikerevier!

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Ein super Tutorial fürs Kartenlesen

https://www.lgl-bw.de/lgl-internet/web/sites/default/de/07_Produkte_und_Dienstleistungen/Galerien/Dokumente/Tipps_zum_Kartenlesen.pdf

Beispiel für online verfügbare Karten

https://geoportal.bayern.de/bayernatlas/?X=5498466.87&Y=4429434.45&zoom=11&lang=de&topic=ba&bgLayer=tk&catalogNodes=122&geolocation=true

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